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Ein neues Medikament gegen Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) scheint den Verlauf der Erkrankung verlangsamen zu können, wie die ersten Ergebnisse einer doppelblinden, randomisiert-kontrollierten Studie der Phase 2/3 nahelegen.
Eine vorausgeplante Interimsanalyse der Studie, die den Wirkstoff Masitinib untersucht, fiel nach Angaben der Herstellerfirma AB Science im Hinblick auf das primäre Studienziel erfolgreich aus. Das Unternehmen mit Firmensitz in Paris ist auf die Entwicklung von Proteinkinasehemmern (PKI) spezialisiert. Dabei handelt es sich um eine Klasse zielgerichteter Proteine, die Schlüsselfunktionen in Signaltransduktionswegen der Zelle erfüllen.
Masitinib ist ein neuer, oral zu verabreichender Tyrosinkinasehemmer, dessen Angriffsziel die Mikroglia und die Mastzellen sind, bei denen er eine begrenzte Zahl von Kinasen hemmt.
„Die positiven Ergebnisse dieser Studie bei ALS sind ein echter Meilenstein in der Entwicklung von Masitinib für neurologische Anwendungen“, erklärte Alain Moussy, Chef und Mitbegründer von AB Science in einer Pressemitteilung.
Das Unternehmen beabsichtigt, die Daten mit der FDA (US Food and Drug Administration) und der EMA (European Medicines Agency) zu teilen und „die Möglichkeit der Marktzulassung für Masitinib bei ALS zu diskutieren“, sagte Moussy.
Die FDA hat Masitinib bei ALS bereits eine „Orphan Drug Designation“ bewilligt. Diese Designierung schafft erleichterte Zulassungsbedingungen für Medikamente, die gegen seltene Erkrankungen helfen. In der EU ist Masitinib als Orphan-Arzneimittel für die Behandlung des Pankreaskarzinoms eingestuft.
Es gibt laut Pressemitteilung immer mehr Hinweise darauf, dass eine gestörte Kommunikation zwischen Mikroglia, Mastzellen und Astrozyten bei ALS zur Zerstörung von Motoneuronen führt. Bei Ratten und anderen Tieren konnte Masitinib das Absterben und die Atrophie von Motoneuronen verringern.

Die positiven Ergebnisse dieser Studie bei ALS sind ein echter Meilenstein in der Entwicklung von Masitinib für neurologische Anwendungen.Alain Moussy

Der primäre Wirkmechanismus von Masitinib ist die Regulierung abnormaler Neuroglia-Aktivität durch Hemmung des CSF-1-Rezeptors. Über diesen Hebel vermag Masitinib die Gliazellproliferation und -aktivierung zu hemmen, wovon auch die aberranten Phänotypen betroffen sind, welche für das Absterben der Motoneuronen verantwortlich sind.

Masitinib könnte Überlebenszeit bei ALS verlängern

In die Studie wurden Männer und Frauen zwischen 18 und 75 Jahren aufgenommen, die seit mindestens 30 Tagen eine gleichbleibende Medikation mit 100 mg Riluzol pro Tag einnahmen. Mit Riluzol lässt sich die Beatmungspflicht oder die Anlage eines Tracheostomas bei ALS-Patienten hinausschieben, und die Überlebenszeit verlängert sich.

In der vorliegenden Studie wurde diesen Patienten randomisiert zusätzlich Masitinib oder Placebo verabreicht. Jetzt werden die Wirksamkeit und die Sicherheit in den beiden Gruppen beobachtet.

Der primäre Endpunkt der Untersuchung ist die Veränderung auf der revidierten ALS Functional Rating Scale, mit welcher der Fortgang der Behinderungen im Rahmen der ALS registriert wird und die signifikant mit der Lebensqualität und der Überlebensquote korreliert. Die Wahl dieses Endpunktes entspricht auch den Empfehlungen der FDA zur ALS.
Das Studienprotokoll hat von Beginn an eine Zwischenauswertung vorgesehen, sobald 50% der Teilnehmer (191 Patienten) 48 Wochen behandelt wurden. Diese Interimsanalyse sollte als positiv bewertet werden, wenn der vordefinierte Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen einen p-Wert von unter 0,0311 aufwies.
Mit einem p-Wert unter 0,01 in der Intention-to-Treat-Population wurde das Ergebnis der Zwischenauswertung somit als Erfolg angesehen. Zudem waren sämtliche Sensitivitätsanalysen zum primären Endpunkt sowie die sekundären Endpunkte der Studie positiv: eine veränderte forcierte Vitalkapazität als Indikator der respiratorischen Funktion und positive CAF-Werte (Combined Assessment of Function). Der CAF-Wert ist ein weiteres valides Endpunkt-Ranking auf der Grundlage der Überlebenszeit und der ALS Functional Rating Scale-Werte.

Unerwünschte Nebenwirkungen, schwere Nebenwirkungen und Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Medikation führten, waren in der Behandlungs- und in der Placebogruppe ähnlich häufig.
Seit der Zulassung von Riluzol vor über 20 Jahren gab es keinen neuen Wirkstoff mehr, der mit einer Verlängerung der Überlebenszeit in Zusammenhang gebracht werden konnte.