Hallo Lizzy,
eine Faustregel ist wohl: mit steigender Schwere der Erkrankung nimmt die Abhängigkeit von externen Institutionen oder/und anderen Menschen zu.
Das ist für den Erkrankten schon dahingehend niederschlagend, als dass für ihn offensichtlich Abhängigkeiten nicht gesuchter oder gewollter Art bestehen. Die Dynamik dieser Abhängigkeiten ist dann nochmal gesondert niederschlagend und mitunter regelrecht deprimierend. Es wird eben häufig gleich die ganze Existenzweise in Frage gestellt und damit natürlich auch die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz.
Vor diesem Problemberg stehen hier viele und ich mitunter auch. Mein Handhabung des Problembergs ist allerdings aufgrund meines Berufes (Logopäde) zumindest geschult problembergstrukturierend. In meinem Beruf kommen manchmal ganze Problemgebirge auf mich zu, die ich mit dem Menschen, der zu mir gekommen ist, erstmal sichten muss, um sehen zu können, wo es den hingehen soll.
Irgendwie kommt auch noch ein persönliches Interesse an Problembergen anderer Menschen hinzu, was ich mir selber nicht wirklich erklären kann. Vielleicht lässt sich so mein eigener Problemberg verhügeln.
Mein Umgang mit meinem Problemberg ist allerdings häufig genauso rat- und hilflos wie bei anderen Menschen. Vielleicht liegt das an der mangelnden Distanz, die man zu sich selbst hat. Im Hirn; das limbische System funktioniert bei mir ganz prächtig in Bezug auf Behörden zB., verspüre ich in voller Ausfüllung, wenn ich mit denen in Kontakt stehe, prinzipiell erst Wut und dann Hilflosigkeit. Beides bringt mich im Umgang mit Behörden nicht wirklich weiter. Deshalb habe ich es mir zur Regel gemacht, mein Anliegen einige Tage vor dem Behördenkontakten möglichst genau und "sachbezogen" (Behördenstil) zu beschreiben und nach dem Behördenkontakt mindestens drei Tage gar nicht zu reagieren, weil ich mich erstmal entwüten muss.
Wenn es um konkrete Vorgaben geht, wie bei euch mit den Autos, dann steht man als Betroffener immer blöd da. Das gleicht dann häufig einer Entmündigung. Solche Entmündigungen schreibt zB. der MDK in Bezug auf Hilfsmittel nicht selten und der Bezug auf irgendwelche Normwerte im Autoverkehr, die zu Lasten eines Verkehrsteilnehmers ausgelegt werden, weil er eine körperliche Einschränkung aufweist, die mit seinem Verhalten der Verkehrssicherheit erstmal überhaupt nicht in Zusammenhang zu bringen ist, regt mich schon sehr auf. Schließlich wird die Verkehrsicherheit in der Regel von denen gefährdet, die alle Normwerte für Verkehrssicherheit erfüllen. Ich könnte mich jetzt schon wieder richtig aufregen. Meinungen von Gutachtern sind eben, sofern sie sich auf irgendwelche "Normwerte" beziehen, häufig nicht Richtlinien mit Interpretationsspielräumen, wie sie eigentlich gedacht sind, sondern eher Entmündigungsparameter für machtgeile Menschen.
Im Umgang mit Abhängigkeiten bin ich genau wie viele andere auf Hilfe angewiesen, die mich strukturiert und bei der Sache bleiben lässt. Ansonsten verliere ich den Überblick und kann nicht mehr adäquat reagieren. Ist aber ganz normal, weil Abhängigkeit immer mit starken Gefühlen zu tun hat. Für seine Gefühle diesbezüglich besteht kein Grund, sich zu verurteilen. Schließlich werden sie zum großen Teil gemacht, in dem man als Mensch mit einer Beeinträchtigung zu einem Menschen mit einer Behinderung gemacht wird. Behinderung ist eben ein sozialer Begriff, der unsere Abhängigkeit von sozialen Normen oder Willkürlichkeiten ausspricht.
Deine Frage ist aus meiner Perspektive also nicht wirklich gewinnbringend zu beantworten. Ich versuche den Umgang mit zB Behörden weitestgehen zu vermeiden. Irgendwann geht das aber nicht mehr und dann kommt es unausweichlich zu einer mit Barrieren vollgestopften Ochsentour, auf der Kranksein jedesmal zur Behinderung wird und auf der sehr schnell soetwas wie zB Minderwertigkeitsgefühle entstehen können. Wenn ich dann ganz klein bin, sage ich auch nur noch ja zu allem, hauptsache die Peinlichkeit hat schnell ein Ende.
Deshalb ist aus meiner Perspektive generell ein Zweifel angebracht, was meine von außen eingeforderte Ausrichtung an Normwerten oder Gesetzen angeht. Es geht immer um die Auslegung dieser Richtlinien und damit um die Art und Weise, wie jemand aufgrund dieser Auslegung sein darf. Und ich will mir die Auslegungshoheit über meine Art und Weise zu sein nicht nehmen lassen. Sie ist ja schließlich gesetzlich als Recht auf Selbstbestimmung verbürgt.
Viel Text, aber auch eine komplizierte Frage. Es spielt so viel da mit rein, wie man mit Abhängigkeiten ungewollter Art umgeht.
Liebe Grüße
Guido
eine Faustregel ist wohl: mit steigender Schwere der Erkrankung nimmt die Abhängigkeit von externen Institutionen oder/und anderen Menschen zu.
Das ist für den Erkrankten schon dahingehend niederschlagend, als dass für ihn offensichtlich Abhängigkeiten nicht gesuchter oder gewollter Art bestehen. Die Dynamik dieser Abhängigkeiten ist dann nochmal gesondert niederschlagend und mitunter regelrecht deprimierend. Es wird eben häufig gleich die ganze Existenzweise in Frage gestellt und damit natürlich auch die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz.
Vor diesem Problemberg stehen hier viele und ich mitunter auch. Mein Handhabung des Problembergs ist allerdings aufgrund meines Berufes (Logopäde) zumindest geschult problembergstrukturierend. In meinem Beruf kommen manchmal ganze Problemgebirge auf mich zu, die ich mit dem Menschen, der zu mir gekommen ist, erstmal sichten muss, um sehen zu können, wo es den hingehen soll.
Irgendwie kommt auch noch ein persönliches Interesse an Problembergen anderer Menschen hinzu, was ich mir selber nicht wirklich erklären kann. Vielleicht lässt sich so mein eigener Problemberg verhügeln.
Mein Umgang mit meinem Problemberg ist allerdings häufig genauso rat- und hilflos wie bei anderen Menschen. Vielleicht liegt das an der mangelnden Distanz, die man zu sich selbst hat. Im Hirn; das limbische System funktioniert bei mir ganz prächtig in Bezug auf Behörden zB., verspüre ich in voller Ausfüllung, wenn ich mit denen in Kontakt stehe, prinzipiell erst Wut und dann Hilflosigkeit. Beides bringt mich im Umgang mit Behörden nicht wirklich weiter. Deshalb habe ich es mir zur Regel gemacht, mein Anliegen einige Tage vor dem Behördenkontakten möglichst genau und "sachbezogen" (Behördenstil) zu beschreiben und nach dem Behördenkontakt mindestens drei Tage gar nicht zu reagieren, weil ich mich erstmal entwüten muss.
Wenn es um konkrete Vorgaben geht, wie bei euch mit den Autos, dann steht man als Betroffener immer blöd da. Das gleicht dann häufig einer Entmündigung. Solche Entmündigungen schreibt zB. der MDK in Bezug auf Hilfsmittel nicht selten und der Bezug auf irgendwelche Normwerte im Autoverkehr, die zu Lasten eines Verkehrsteilnehmers ausgelegt werden, weil er eine körperliche Einschränkung aufweist, die mit seinem Verhalten der Verkehrssicherheit erstmal überhaupt nicht in Zusammenhang zu bringen ist, regt mich schon sehr auf. Schließlich wird die Verkehrsicherheit in der Regel von denen gefährdet, die alle Normwerte für Verkehrssicherheit erfüllen. Ich könnte mich jetzt schon wieder richtig aufregen. Meinungen von Gutachtern sind eben, sofern sie sich auf irgendwelche "Normwerte" beziehen, häufig nicht Richtlinien mit Interpretationsspielräumen, wie sie eigentlich gedacht sind, sondern eher Entmündigungsparameter für machtgeile Menschen.
Im Umgang mit Abhängigkeiten bin ich genau wie viele andere auf Hilfe angewiesen, die mich strukturiert und bei der Sache bleiben lässt. Ansonsten verliere ich den Überblick und kann nicht mehr adäquat reagieren. Ist aber ganz normal, weil Abhängigkeit immer mit starken Gefühlen zu tun hat. Für seine Gefühle diesbezüglich besteht kein Grund, sich zu verurteilen. Schließlich werden sie zum großen Teil gemacht, in dem man als Mensch mit einer Beeinträchtigung zu einem Menschen mit einer Behinderung gemacht wird. Behinderung ist eben ein sozialer Begriff, der unsere Abhängigkeit von sozialen Normen oder Willkürlichkeiten ausspricht.
Deine Frage ist aus meiner Perspektive also nicht wirklich gewinnbringend zu beantworten. Ich versuche den Umgang mit zB Behörden weitestgehen zu vermeiden. Irgendwann geht das aber nicht mehr und dann kommt es unausweichlich zu einer mit Barrieren vollgestopften Ochsentour, auf der Kranksein jedesmal zur Behinderung wird und auf der sehr schnell soetwas wie zB Minderwertigkeitsgefühle entstehen können. Wenn ich dann ganz klein bin, sage ich auch nur noch ja zu allem, hauptsache die Peinlichkeit hat schnell ein Ende.
Deshalb ist aus meiner Perspektive generell ein Zweifel angebracht, was meine von außen eingeforderte Ausrichtung an Normwerten oder Gesetzen angeht. Es geht immer um die Auslegung dieser Richtlinien und damit um die Art und Weise, wie jemand aufgrund dieser Auslegung sein darf. Und ich will mir die Auslegungshoheit über meine Art und Weise zu sein nicht nehmen lassen. Sie ist ja schließlich gesetzlich als Recht auf Selbstbestimmung verbürgt.
Viel Text, aber auch eine komplizierte Frage. Es spielt so viel da mit rein, wie man mit Abhängigkeiten ungewollter Art umgeht.
Liebe Grüße
Guido




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